Musik über dem Meer. Das Auditorium Oscar Niemeyer in Ravello.

Ravello! Welch ein Ort, welch eine Lage zwischen Oliven- und Zitronenhainen, welch ein Balkon über dem Meer! Souverän liegt die 2.500-Seelen-Gemeinde oben am Steilhang; enge Serpentinen winden sich von der Costiera Amalfitana, einer der schönsten Küstenabschnitte der italienischen Mittelmeerküste, durch das Valle del Dragone hinauf. Ruhig und idyllisch präsentiert sich der Ort mit seiner weit über 1.000-jährigen Geschichte; vom Dom aus führen enge, verwinkelte Gassen zu immer wieder neuen Platzsituationen und Panoramablicken in die Berge und auf das Meer. Nicht zuletzt durch den Dom, weitere Kirchen und Palazzi weist Ravello auf kleinstem Raum eine beeindruckende Dichte an (bau-)kulturellen Schätzen auf;  insbesondere zu nennen die mehreren Päpsten als Wohnsitz dienende Villa Rufolo sowie die Villa Cimbrone auf einem 8 Hektar großen Gelände, mit englischer Parkanlage und einem Atem beraubenden Panoramablick von der ca. 350 m über dem Meer gelegenen „Terrasse der Unendlichkeit“. Gleich ein halbes Dutzend Luxushotels wirbt mit subtiler Eleganz um zahlungskräftige Gäste, und auch die detailreich verzierte, handgefertigte Keramik vieler ortsansässiger Kunsthandwerker ist nicht  zum Discounttarif zu erstehen.

Moderne Architektur findet sich wenig; umso auffälliger und markanter ist daher der Neubau eines Konzertsaales am Steilhang hoch über der Küste. Das „Auditorium Oscar Niemeyer“ ist nicht zufällig nach der brasilianischen Architektenlegende benannt; es ist ein Entwurf von ihm. Bekannt wurde Niemeyer insbesondere als Entwerfer der auf dem Reißbrett geplanten, brasilianischen Hauptstadt Brasilia und als Weggefährte von Le Corbusier; darüber hinaus ist er mit über 600 Projekten einer der produktivsten Architekten überhaupt. 1907 geboren, ist der heute 104-Jährige noch immer in seinem Beruf aktiv! Das Auditorium, welches er aufgrund seiner Flugangst nur auf Basis von Fotomaterial und per Videokonferenz entworfen und betreut hat, wurde nach etwa dreijähriger Bauzeit im Januar 2010 eröffnet. Der avantgardistische, komplett weiß gestrichene Stahlbetonbau liegt wie eine große, beruhigende Welle parallel in der ansonsten kleinteiligen Parzellenstruktur von Ravello. Die bis zu 16 m über Grund auskragende Bühnenseite ist zum Meer orientiert; die 500 Zuschauer sitzen bergseitig ähnlich wie in einem Amphitheater; zu den Seiten öffnet sich das Gebäude durch großformatige Verglasung.

Die dem Auditorium vorgelagerte, großzügige Piazzetta bietet einen fantastischen Blick auf die Berge der Monti Lattari, die Amalfiküste über den Golf von Sorrent bis ins Cilento hinein. Eine perfekte Kulisse auch für die beeindruckenden Bronzeskulpturen von Igor Mitoraj, die noch bis zum 8. September 2012 in Ravello zu sehen sind.

www.auditoriumoscarniemeyer.it

www.niemeyer.org.br

www.comune.ravello.sa.it

Text + Fotos: Christian Wendling
Veröffentlicht in: CUBE Köln Bonn 2/2012
Online-Version: http://www.cube-koeln.de/ausgaben/2012_02/index.html#/24/
PDF-Version: http://www.cube-koeln.de/ausgaben/2012_02/files/assets/downloads/cube_koeln_bonn_02_2012.pdf

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